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WEBMAGAZIN   CULTURA21    1. April 2006

 

AN DER SCHWELLE ZUR KUNST

von Lydia Keck

Die derzeitige Orientierungslosigkeit in der modernen Kunst lässt eine Vielzahl von neuen Möglichkeiten erkennbar werden. Damit werden auch die starren Grenzen zwischen Wissenschaft und Kunst immer mehr aufgebrochen. Künstler bedienen sich bei ihrer Kunstproduktion zunehmend wissenschaftlicher Erkenntnisse und wagen Hypothesen, während Wissenschaftler kreative Denkmethoden zulassen und über ganzheitliche Zusammenhänge nachdenken. „Kräfte“ „Energien“, „Mikrokosmos“ und andere Begriffe tauchen dagegen immer häufiger im Sprachschatz der Kunstkritiker auf… Kunst wird von vielen aber auch wieder als etwas „Beseeltes“ und sich selbst organisierend wahrgenommen und die Wirkung der Farben in der alternativen Medizin als „Heilkraft“ eingesetzt. (…)

Die Alchemie galt bis ins 18. Jahrhundert hinein als „Kunst aller Künste“ und „Wissenschaft aller Wissenschaften.“ Aus einem Strang entwickelten sich die modernen Naturwissenschaften. Der natürlichen Wahrnehmung und Spiritualität wird aber spätestens seit dieser Trennung Ende des 18. Jahrhunderts eine neue Bedeutung zugeteilt, obwohl sich viel später immer wieder bildende Künstler den Regeln einer kosmischen Weltordnung bedienten und sich diese zum Vorbild machten oder sich von ihr inspirieren und die Komplexität ihrer Wahrnehmungen in ihre Werke mit einfließen ließen. So schrieb Wassily Kandinsky 1913: „Das Zerfallen des Atoms war in meiner Seele dem Zerfall der ganzen Welt gleich. Plötzlich fielen die dicksten Mauern. Alles wurde unsicher, wacklig und weich (…).“ Kandinsky sah in der Atomphysik die Überwindung der Vorherrschaft materieller Gesinnung mit ihrer Bewunderung der Industrie und des technischen Fortschritts. Damit rückt er gleichzeitig ab vom direkt Erkennbaren. Er setzt sich mit Wirkung von Farbe und Linie auf den Betrachter auseinander. So erscheint 1925 das Werk „Punkt und Linie zu Fläche“. Die Bühnenkomposition „Der gelbe Klang“ zeigt seine persönliche Fähigkeit, auditive und optische Zusammenhänge herzustellen (synästhetische Begabung).

In Zeiten zunehmenden ökonomischen Denkens und einer wirtschaftlichen Unsicherheit wird leider heute der bildenden Kunst aber nur noch ein Nischendasein zugeordnet, was zur Folge hat, dass sich immer mehr Kunstschaffende in die Rolle von Reproduzenten bekannter Vorbilder einordnen oder auf der Suche sind nach einer Umsetzung ihrer Ideen mit Hilfe einer modernen Materialität. Dabei tritt aber immer mehr der Blick für das Wesentliche in den Hintergrund. Gesellschaftliche Missstände werden in immer geringerem Maße Gegenstand der Betrachtung. Gleichzeitig wagen sich aber auch immer mehr Künstler am Rande des Kunstmarktes auf Nebenschauplätze, die gleichzeitig eine Neuorientierung sichtbar werden lässt. Die Natur und ihre Kräfte werden bildlich thematisiert, die Wahrnehmung für das Alltägliche und sich Wiederholende in Fotografie und Malerei stehen im Mittelpunkt. Der Blick auf das, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, wird geschärft.

Dabei werden die Grenzen zwischen Naturwissenschaft und Kunst wieder fließend.

Der Hamburger Künstler Edgar Lissel präsentierte 1999/2000 Blaualgen, die sich mit einem speziellen fotografischen Verfahren zum Licht bewegen. Während mehrerer Tage wachsen die Kulturen ihnen vorgegebenen Bildern nach. Der Bewegungs- und Wachstumsprozess dieser Algen in einer Agar-Nährlösung in durchsichtigen Petrischalen ähnelt dem der Belichtung von Fotopapier. Die Stellen, auf die das Licht fällt, werden dunkel, die, auf die wenig Licht fällt, bleiben hell. Die Bilder, die durch den organischen Wachstumsprozess der Bakterien entstanden, wurden fotografiert und auf ca. 80 x 80 cm vergrößert. (…)

Die Kunst des Biologen Dr. Ingo Reize aus Köln mit Blaualgen gründet ebenfalls auf dem natürlichen Phänomen des Lebens, auf die Sonne zu reagieren und ihre Kraft einzufangen. Nach einem Experiment im Institutsgarten der Kölner Universität, bei dem eine besondere Art der Algenkultur untersucht werden sollte, gab es immer ungewollte Kontaminationen einer Nachzuchtalge mit anderen Arten. Das Ergebnis waren bunt gemischte Kulturen, die für das eigentliche Experiment ein Rückschlag waren, doch farbige Räume hinterließen. Seitdem setzt er die Kulturen gezielt wie Farbpigmente ein und hat ein Verfahren entwickelt, mit dem er ideale Wachstumsbedingungen schaffen kann. Im Gegensatz zu Lissel, bei dem sich die Algenkulturen in Petrischalen zum Licht bewegen, setzt der Naturwissenschaftler und Künstler verschiedene Stoffe als Untergründe ein, auf denen die Algen wachsen.

„Algen sind unsere ständigen Lebensnachbarn wo auch immer wir sind. Ob im Hellen wachsend oder im Dunklen überdauernd, in der Luft schwebend oder fest in Gesteinen lebend. Bewusst werden sie uns aber oftmals erst als Erscheinung an Mauern oder Treppen oder in Gewässern. Auch heute werden ständig 45 Prozent des atmosphärischen Sauerstoffs von Algen erzeugt. Die Algen sind ein urzeitliches Initial für das Leben auf der Erde. Der Gestaltungsschwerpunkt liegt bei den Algen. Nach menschlichen Vorgaben orientieren und organisieren sie sich selbst.“

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KÖLNISCHE RUNDSCHAU    12. Oktober 05

 

ALGEN MACHEN BILDER LEBENDIG

Gemeinschaftsausstellung von Ingo Botho Reize und Dagmar Dost-Nolden

von Lydia Keck

DELLBRÜCK. Etwa zwei bis drei Zentimeter in der Stunde kriechen sie über den feuchten Stoff, der auf große Rahmen gespannt ist. Dabei hinterlassen sie grüne oder violette Spuren und erzeugen Muster, die an Fellstrukturen, Wirbelstürme oder kleine Inseln erinnern. „Kraftvolle Wandlung", „Blick in den Winter­himmel" oder „Herbst“ steht auf kleinen Schildern unter den Bildern, die derzeit in der Kölner Bank zu sehen sind. Gestaltet hat sie der Künstler und Biologe Dr. Ingo Botho Reize, doch für das künstleri­sche Endergebnis sind andere verantwortlich: Algen.

Seit Jahren experimentiert Reize mit den Kleinstlebewesen und verblüffte auch die Besucher in Dellbrück. „Das Bild lebt eigentlich und würde sich wieder verändern, wenn es feucht wird", so der Algenexperte.

In der Gemeinschaftsausstellung sind auch die Arbeiten der Malerin Dagmar Dost­Nolden zu sehen, die sich ebenfalls mit Kräften der Natur beschäftigt. Doch auf völlig andere Weise: Viel Bewegung steckt in den dynamischen Bildern der Tschechin. Es ist, als ob die Energien in Blau oder Rot über schemenhaft angedeutete menschliche Körper hinaus fließen.

Dabei sind auf den Leinwänden, die sie gern zu mehreren nebeneinander gruppiert, weiße Wirbel zu sehen. Eine Begrenzung der Kräfte gibt es nicht. Es ist, als seien auf den Bildern Energiezentren, von denen die Kräfte nach außen strömend, beschrieb Kunsthistorikerin Dr. Karin Thönnisen die Werke in Acrylfarben, auf denen das Licht eine große Rolle spielt. Dabei können erst auf den zweiten Blick Menschengruppen auf ihren nur vordergründig abstrakt wirkenden Bildern wahrgenommen werden. (lyd)

                                                                                                      Dellbrück

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BONNER GENERAL ANZEIGER    7. Juli 05

 

KUNST AUS ALGEN

Aus den natürlichen Farbstoffen mikroskopisch kleiner Algen entstehen die Bilder von Ingo Botho Reize. Die dunkle und sehr beständige Farbe der Algen ist ein dichtes Rot, Blau oder Violett. Nach den Informationen des Kölner Künstlers werden diese Pigmente erstmalig in der Malerei eingesetzt. Eine Ausstellung mit Algen­ Bildern des Künstlers ist bis zum 18. Juli beim Godesberger Kunstverein in der Burgstraße. 85 zu sehen. Öffnungszeiten: montags 19 bis 21.30 Uhr, dienstags, mittwochs und freitags von IS bis 20 Uhr, donnerstags von 10 bis 18 Uhr sowie samstags und sonntags von 16 bis 18 Ühr. rih 

                                                                                                 Bad Godesberg

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TOP-MAGAZIN AACHEN    Sommer 05

 

KUNST & CO

von Wolfgang Habedank

Bildung und Kunst gingen erneut eine Symbiose ein, als Ende April in der ews, der Europäischen Wirtschafts­ und Sprachenakademie, Dr. Ingo Botho Reize seine Ausstellung eröffnete: "Kunst mit Algen". Kleine Algen entwickeln die Fähigkeit, mit ihren Farbpigmenten die Sonnenstrahlen aufzunehmen und ihre Energie auf Wasser zu übertragen. Algen sind das Thema von Reize, einem studierten Biologen, für den der Weg zwischen Beruf und Kunst ein einfacher Schritt war. Seine Werke faszinieren mit aus­rucksstarken, oft spiraligen Strukturen, die er mit Algen und ihren Pigmenten, oft kombiniert mit Acrylfarbe, auf die Leinwand bannt. „Oft wurden Algen einfach aufgetragen", sagt Reize, "den Rest besorgt die Natur." 

                  EWS

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KÖLNISCHE RUNDSCHAU    24. Februar 05

 

AMEISEN UND ALGEN IM WEHRTURM

Künstler beschäftigen sich mit Kleinstlebewesen, die teils menschliche Züge haben

Von Lydia Keck

Kleinstlebewesen, die die Erde seit mehr als drei Milliarden Jahren bewohnen und immerhin 45 Prozent des Sauerstoffs produzieren. Dr. Ingo Botho Reize nahm sie als Grundlage für seine Kunst, ließ sie in großen Wasserbecken in einem Gewächshaus der Uni Köln wachsen und griff in diesen biologischen Prozess mit Acrylfarben ein.

Nun können die Ergebnisse im Zündorfer Wehrturm be­sichtigt werden. In großen, grell‑farbigen Schwüngen hat Reize die Algenmasse auf die Leinwand gebracht. Zusätzlich ist das natürliche Wachstum der Algen auf den farbigen Untergründen dokumentiert.

Da kann man verfolgen, wie beispielsweise eine grüne Masse auf rotem Untergrund heranwächst. Mich faszinier­te immer schon, wie Algen in einem Wasserglas wie aus dem Nichts wuchsen und auf der Wand des Glases einen grünen Belag erzeugt, so der Kölner, der sich nach 40 Jahren Forschungsarbeit mit den gestalterischen Möglichkeiten dieses Naturphänomens auseinander setzte.

Auch Bildhauerin Marianne Roetzel hat sich mit winzigen Lebewesen beschäftigt. Ihre „Ameisenstraße“ besteht allerdings aus 91 Figuren, die bei näherer Betrachtung sehr menschenähnlich sind. Daneben zeigt sie graue Gipsdrahtfiguren, die sie an Fäden vom Untergeschoss bis ins Dach klettern lässt, und mit ihren lebensgroßen vogelartigen Wesen überrascht sie die Besucher. Roetzel, die sich nach ihrem Kunststudium in Düsseldorf im japanischen Kyoto mit Kunst und Kultur auseinander setzte, begeistert derzeit mit ihren reduzierten Menschenbildern ihr Publikum. Ihre Kunst ist still, zurückgezogen. Da muss man schon genauer hinsehen. In der Masse wirken ihre Figuren zwar anonym, sie sind sich sehr ähnlich. Doch jede hat individuelle Züge", so Kunsthistorikerin Anne Rossenbach. Die Ausstellung ist noch bis zum 20. März mitt­wochs und samstags zwischen 15 und 1 8 Uhr, sonntags von 14 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung zu sehen. (lyd)

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KÖLNER STADTANZEIGER     3. März 2005

 

KULTUR: ALGENBILDER UND SKULPTUREN IM WEHRTRUM

Faszination und Irritation: Skulpturen von Marianne Roetzel und Bilder von

Ingo Botho Reize sind im Museum Zündorfer Wehrturm ausgestellt.

VON JÜRGEN KISTERS

Zündorf - Kann es auch einen gemeinsamen Nenner geben, wenn es offensichtlich keinen gibt? Eine solche Paradoxie ist in der Kunst möglich, derzeit sichtbar im Museum Zündorfer Wehrtum. Dort treffen die Skulpturen von Marianne Roetzel und die Bilder von Ingo Botho Reize in einer Ausstellung zusammen: plastische Menschendarstellungen und Malerei mit Algen, reduzierte Forrngebung und bewegte Farb-Linien-Bewegungen. In der Rauminszenierung über die verschiedenen Stockwerke des alten Gemäuers in einem geschickten Ergänzungsverhältnis präsentiert, sind die Betrachter geneigt, die Werke der beiden in Köln leben­den Künstler auch inhaltlich unwe­gerlich zusammen zu denken. Zeigt sich

hier in Drehungen künstlerischer heraus Verdichtung ein Blick auf die Milliarden Jahre lange Entwicklung des Lebens vom Einzeller bis zum vernunftbegabten Zweibeiner mit aufrechtem Gang? Relativiert sich in diesem Spannungsfeld die Idee vom Menschen als Krone der Schöpfung? Und fordert diese Perspektive schließlich dazu auf, sich noch einmal ganz neu zu vergewissern, was das Leben ausmacht?

Ingo Botho Reizes spiralige Strukturen, die er mit Algen und ihren Pigmenten (kombiniert mit Acrylfarbe) auf die Leinwand malt, schärfen die Aufmerksamkeit zu­nächst einmal für die namenlosen Prozesse, die jenseits jedes konkre­ten Individuums das Leben vorantreiben und zusammenhalten. Gestalten und Lebensformen entstehen aus dynamischen Drehungen her­aus, sind darin gefangen oder werden aufgelöst im explosiven Schwung eines Wirbels. In den Bi­dem des studierten Biologen geht es um Prozesse, die gewaltiger und zwingender sind als sie sich das menschliche Bewußtsein gewöhnlich einzugestehen bereit ist.

Auf anderem Wege führen auch Marianne Roetzels aus Terrakotta, Hartgips oder Holz geformte Skulpturen zu dieser Erkenntnis. Das still daliegende Fragment eines Kopfes erinnert an den Schlaf des Menschen, in dem das Denken endlich aufhört und der gelegentlich Ungeheuer gebiert. Unheimlich erscheinen die schwarzen Flügel-Körper-Wesen, die in den Wandnischen lauem. Und nicht Mensch, nicht Tier oder beides zugleich sind die zart­skurrilen Zweibeiner mit den klei­nen Köpfen, die wie eingesperrte Pinguine in einer großen Glasvitrine platziert sind. Erblicken wir in ihnen Wesen aus einer fernen, längst vergessenen Vergangenheit oder aus einer unbekannten Zukunft, auf die sich die Menschen unausweichlich zubewegen? Und treibt uns dieser Anblick ein Gefühl von Zuversicht oder den Schrecken über den Gang des Lebendigen in die Glieder?

Marianne Roetzels Skulpturen bieten keine einfache Augen-Kost. Zwischen Faszination und Irritation sind ihre Schwingungen immer ernst und melancholisch, und ein Nachdenken über den Tod und die grundsätzliche Unsicherheit der Existenz ist unvermeidlich. Demgegenüber können die Betrachter Ingo Botho Reizes Strukturbilder trotz oder wegen ihrer abstrakten Ungreifbarkeit als beinahe beruhigend erleben. Als ein ästhetisch ansprechender Teil aus dem unendlichen Geflecht des Lebendigen, schön und rätselhaft, aber nicht unbedingt das eigene Ich betreffend. Gegenüber ‑diesen energiegeladenen Flecken, gepunkteten Unendlichkeitsfeldem oder diffusen schwarzen Wucherungen ist bei weiten einfacher, eine unverbindliche Distanz zu bewahren als vor Marianne Roetzels fremd­vertrauten plastischen Körperschemen. Und so ist es in dieser Ausstel­lung wie beim Blick auf die vielen kleinen Farbnuancen und Strukturen an der Erde während des Gehens. Unheimlich und verwirrend wird es erst, wenn der eigene oder ein fremder Schatten darüber fällt. 

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KÖLNISCHE RUNDSCHAU    7. August 04

Von Beruf ist er Diplombiologe, aber einen Blick fürs Künstlerische muss Dr. Ingo Botho Reize (51) immer schon gehabt haben. Sonst wäre dem Wissenschaftler bei Experimenten mit Algen wohl nicht aufgefallen, dass die kleinen Einzeller sich quasi von selbst zu reizvollen Farb und Formarrangements gruppieren. Der Künstler Reize entwickelte daraufhin verschiedene Techniken, die es ihm nun ermöglichen, die Algen gezielt wie Farbpigmente einzusetzen. Auf farbigen Untergründen entstehen so feingliedrige und klar strukturierte Bilder. Eine Auswahl dieser Werke zeigt eine Ausstellung in der Bezirksregierung; Zeughausstraße, die bis Ende August, montags bis freitags von 8.30 bis 18.30 Uhr, kostenlos besichtigt werden kann.

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KÖLNER STADTANZEIGER    29. Juni 2004

 

WIE DIE KUNST UNTER DIE LEUTE KOMMEN SOLL

"mal-markt" nennt sich ein neuer Verein zur Förderung von Künstlern in Ehrenfeld

VON JÜRGEN KISTERS

Neuehrenfeld Ehrenfeld ist ein gutes Feld für die Kunst. Die Dichte freier Initiativen in diesem Stadtteil ist seit Jahren hoch. Und unversehens sprießen immer wieder neue Kreativblüten aus dem Boden, manche als Ableger vorhandener Pflanzen, andere kommen scheinbar aus dem Nichts. Ein bisschen von beidem hat den "mal-markt", den "Verein zur Förderung und Verbreitung zeitgenössischer Kunst", hervorgebracht. Bereits seit rund einem Jahr betreibt die von Roland Neuburg und Gregor Schmitz gegründete Einrichtung ei­gene Räumlichkeiten am Lenauplatz, in der neben der virtuellen Vereinsplattforrn (www.mal­markt.de) die Kunst in regelmäßigen Ausstellungen "anfassbar" präsentiert wird. Aktuell sind dort die Bilder des Biologen Ingo Botho Reize zu sehen.

Die übliche Trennung Profis zwischen und Hobbymalern wird aufgehoben

Seine kreative Spezialität knüpft. Die derzeitige besteht darin, dass er Algen als Malmaterial benutzt.Dieser organische Grünfilm, der gewöhnlich wegen seines hartnäckigen "Schmutzeffekts" auf Wänden und auf den Glasscheiben von Aquarien keinen guten Ruf genießt, erscheint in Reizes Kunst als ein faszinierendes Universum. Auf farbigen Untergründen lässt der Kölner Algenmaler feinstrukturierte Bilder entstehen. Kenntnisreich und mit geschickten manuellen Gestaltungskniffen nutzt er die Wachstumsprozesse der winzigen Pflanzen, die zu den historisch ältesten auf unserem Planeten zählen. "Meines Wissens werden diese Pigmente erstmalig in der Malerei eingesetzt: sagt Reize. Mit der nachdenklich­spielerischen Neugier des Forschers verknüpft er wissenschaftliche Kenntnisse und ästhetisches Ge­spür. So will er nicht nur mit einem außergewöhnlichen Effekt brillieren, sondern zugleich biologisch Wissenswertes vermitteln, etwa dass ständig 45 Prozent des Sauerstoffs in der Atmosphäre von Algen erzeugt werden. Gerade die Originalität eines solchen künstlerischen Ansatzes fasziniert die malmarkt Organisatoren Neuburg und Schmitz. Ihr Augenmerk gilt vor allem den eigenwilligen kreativen Spielarten, die im etablierten Kunstgeschäft zu kurz kommen oder sich noch nicht durchgesetzt haben. Ehrenfeld ist voll von talentierten Künstlern solcher Art, wissen sie. Und einige davon haben sie bereits für ihren Verein interessieren können, dessen Vermittlungsarbeit immer zugleich auch als Stadtteilarbeit gedacht ist. Die Zusammenarbeit mit anderen Kulturinitiativen und den Kirchen im Viertel ­ ist daher im Vereinskonzept großgeschrieben. "Ziel ist die Schaffung eines praktischen Netzwerkes, das den Künstlern in ihren täglichen Überlebenskampf hilft und die Bedeutung des Künstlerischen im und für den Alltag stärker in den Blick rückt" bringt Roland Neuburg das anspruchsvolle Projekt auf eine griffige Formel. Kunst und Soziales sind in dieser Auffassung un­trennbar miteinander verknüpft. Die derzeitige Phase sehen die Organisatoren immer noch als Aufbauphase, auch wenn bereits im zweiwöchentlichen Turnus Ausstellungen in den Galerieräumen im Lenauplatz stattfinden und der Verein zwei Mal in der Woche (Dienstag und Freitag) Malkurse anbietet. Ganz wichtig ist in der Ausrichtung des mal-markts, dass bei allen Aktivitäten die übliche Trennung zwischen Hobby- und Profikünstlern aufgehoben werden soll. „Wir wollen Kunst unter die Leute bringen, so viel wie möglich.“ Und da helfen Abgrenzungen nicht weiter", sagt Schmitz. Wahrscheinlich hilft es dabei sogar, dass er kein ausgewiesener Kunstspezialist ist. Und auch das erscheint als Ehrenfelder Spezialität, dass sich die Menschen dort auf kulturelle Aktionen einlassen, ohne vorher genau zu wissen, wie die Kultur, die sie gerade entwickeln, als solche zu definieren ist

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MAGAZIN MIT UNS   Köln Dezember 2003

 

LEBENDE KUNST

von Meike Hauser

Als Synästhetiker gelten in der Psychologie jene Menschen, die die seltene Fähigkeit besitzen, bei Reizung nur eines Sinnesorgans zugleich verschiedene Sinnesedrücke zu erleben. So können beispielsweise manche mit dieser besonderen Fähigkeit begabte Personen Töne nicht nur hören, sondern auch als bestimmte Farben sehen, was dann auch als „Farbenhören“ bezeichnet wird.

Lassen Sie sich jedoch nicht irritieren, wenn Sie in den nächsten Tagen die Kanzlergalerie in der ersten Etage des Hauptgebäudes besuchen. Sie müssen nicht befürchten, dass Ihnen über Nacht ähnliche synästhetische Fähigkeiten zugewachsen sind und Sie von nun an bestimmte Farben immer zusammen mit bestimmten Gerüchen wahrnehmen werden. Auf diesen Gedanken könnte man tatsächlich kommen, denn die derzeit dort ausgestellten Bilder von Ingo Botho Reize verströmen einen auffälligen, für manche Nasen möglicherweise gewöhnungsbedürftigen Geruch, der nichts mit dem von Ölfarben oder Lack gemein hat. Dieser besondere Duft der Bilder steht vielmehr im unmittelbarem Zusammenhang sowohl mit ihrem Gegenstand als auch ihrem Material. Kunst mit Algen' nennt der promovierte Biologe Reize seine Werke - worin schon anklingt, dass es sich um eine besondere Form der Kunst handeln muss: Sie gründet auf dem natürlichen Phänomen des Lebens, auf die Sonne zu reagieren und ihre Kraft einzufangen. So sind die Bilder denn auch nicht gemalt, sie sind gewachsen. Sie bestehen aus Blaualgen, die eigens für die Bilder herangezogen, dann auf Stoff aufgetragen und einige Tage wachsen gelassen wurden. Auf diese Weise entwickelt sich ein intensives Zusammenspiel von Farben und Formen, das bei einigen der teilweise großformatigen Bilder noch durch eine besondere Struktur verstärkt wird, die sich in Form von Rissen oder Blasen auf der Oberfläche zeigt.

Für den Künstler und Wissenschaftler Dr. Ingo Botho Reize sind Algen ein urzeitliches Initial für das Leben auf der Erde. In seinen Bildern sieht er die schöpferische Kraft der Natur vereint mit der gestalterischen Kraft des Menschen, wodurch ein Sinnbild der gegenseitigen Abhängigkeit alles Lebendigen geschaffen wird eine Dimension der Bilder, die man erst entdeckt, wenn man ihre ungewöhnliche Entstehungsweise kennt. Neben den gewachsenen Farben und Formen ist dies sicherlich ein weiterer Grund, sich diese besonderen Bilder anzusehen. Lassen Sie sich von dem Geruch nicht abschrecken, nach kurzer Zeit haben Sie sich daran gewöhnt!

                                      Kanzlerflur

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KÖLNISCHE RUNDSCHAU 18. SEPTEMBER 2003

 

ANGEWANDTE BIOLOGIE AUF DER WEISSEN LEINWAND

Künstler Ingo Botho Reize schafft Bilder aus Algen

Seit dem 10. Lebensjahr von den Pflanzen fasziniert

von Diana Kuhl

SÜDSTADT. Algen halten enorme Temperaturen und Sonnenstrahlung aus. Sie entstanden vor drei Milliarden Jahren, schufen eine Atmosphäre mit Sauerstoff und überstehen Trockenheit und menschliche Einflüsse. "Man sieht Algen oft als Matsch', sagt Ingo Botho Reize. "Das liegt aber nur daran, dass sie eine zu feine Struktur haben, als dass man sie erkennen könnte." Und genau dieser Struktur widmet sich der Biologe und Künstler: Er schafft Kunst mit Algen.

Wie Tentakel winden sich Algen durch sein Bild "Gespräche". Braune und grüne Farbtöne auf weißem Hintergrund erwecken den Eindruck, als seien die Algen auf dem Bild gewachsen. Und genau das ist der Fall: Manche Algen lasse ich auf dem Bild wachsen, andere setze ich darauf, nachdem ich sie in großen Becken gezüchtet habe", erklärt Reize. "Bunte, lebende Bilder, die lange halten."

Alles begann, als Ingo Botho Reize an senkrechten Flächen Algen züchtete. Bei dem biotechnologischen Projekt der Universität Köln zeichneten sich plötzlich grüne Flecken auf blutroten Algen ab Auslöser für den Biologen, sich einmal auf künstlerische Art mit Algen zu beschäftigen. Reize war sechs Jahre alt, als Algen ihn das erste Mal fesselten. "Mich faszinierte, dass sie in einem einfachen Wasserglas aus dem Nichts wuchsen, erzählt er. Seine Begeisterung für Algen blieb. Reize studierte Biologie, promovierte mit einem algenbezogenen Thema, und heute stehen Algen im Mittelpunkt seiner beruflichen Tätigkeit.

Seit, drei Jahren ist der 50-Jährige damit beschäftigt, hunderte von Bildern zu schaffen. Die Motive stellen teilweise die natürlichen Strukturen der Algen dar, teilweise entspringen sie seiner Phantasie. "Unter dem Mikroskop entdeckt man die Grundprinzipien der Ordnung", erklärt der Biologe begeistert. "Natürliche Prinzipien mit filigranen Bauplänen."

Acht seiner Algenbilder hängen bis zum 27. Oktober im Bürgerhaus Stollwerck, im Theater 509 Cafe in der fünften Etage. Weitere 19 Bilder können im Hauptgebäude der Universität Köln in der ersten Etage auf dem Kanzlerflur besichtigt werden. (dku) 

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